Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen.


Dieses ist das bekannteste Zitat Marie Antoinettes, doch heute weiß man: es ist frei erfunden.

595641iMarie Antoinette gab sich gerne dem Nachtleben hin, besuchte Bälle, die Oper und das Theater. Sie liebte teure Kleider, Juwelen und das Glücksspiel, so häufte sie schnell hohe Schulden an, die ihr Mann jedoch stillschweigend bezahlte. Marie war von der Mode besessen, besonders von meterhohen Frisuren, die Stunden um Stunden erforderten, um sie mit all den Schmuckelementen zu verzieren. Auf viele Menschen wirkte das obszön, denn sie versinnbildlichten alles was mit ihr, mit Versailles und dieser Kultur nicht stimmte. Sie war sicherlich nicht die Hauptverantwortliche für die enorme Verschuldung ihres Landes, doch stellte sie durch ihr Verhalten den willkommenen Sündenbock für Frankreichs finanziellen Ruin dar. Der 3. Stand hatte im ausgehenden 18. Jahrhundert in der Tat sehr schwere Zeiten, doch Frankreichs eigentliches Problem waren die stark überalterten Regierungsinstitutionen. Es war die „[...] große Unzufriedenheit all derer, die ein neues System, eine bessere Ordnung, eine sinnvollere Verteidigung der Verantwortung verlangen [...]“ (1), es war das Zeitalter der Aufklärung. Man wünschte sich eine völlig neue Gesellschaftsordnung herbei, in der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die zentralen Aspekte darstellen sollten.

Durch einen harten Winter und Missernten, die die Weizenpreise in die Höhe schnellen ließen, kämpfte ein Großteil der französischen Bevölkerung regelrecht ums Überleben. Als Mangel am Wichtigsten, an Brot aufkam, machte ein noch heute weltberühmter Vers den Umlauf, den Gerüchten zufolge einst die Königin ausgesprochen haben sollte: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie Brioche [Gebäck] essen.“(2) Nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich hierbei jedoch lediglich um eine erfundene Wanderanekdote, die bereits Jahre vor Marie Antoinettes Thronbesteigung von dem französischen Schriftsteller und Philosophen Jean-Jacques Rousseau erfunden wurde (3).
Entgegen vieler Vermutungen empfand Marie nicht die geringste Verachtung gegenüber ihrem Volk, schon gar nicht brachte sie ihm Hohn und Spott entgegen. Boshaftigkeit und Schadenfreude gehörten in der Tat nie zu ihren Wesenszügen. Doch das Volk kümmerte dies wenig. Stefan Zweig schrieb dazu: „Das französische Volk spürt nun seit langem schon ein Unrecht, das ihm von irgendwoher geschieht. Lange hat es sich gehorsam geduckt und auf bessere Zeiten gläubig gehofft […], aber je mehr es sich beugte, umso härter wurde der Druck, immer gieriger saugen die Steuern an seinem Blut. […] Die Schuldige für die Staatsschuld ist gefunden“ (4).


Quellen:

(1) Stefan Zweig "Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters“, S. 167
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Antoinette#K.C3.B6nigin_von_Frankreich
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Antoinette#K.C3.B6nigin_von_Frankreich
(4) Stefan Zweig "Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters", S. 224, 225

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Vielen dank für diesen sehr belehrenden Beitrag!
Ich finde es immer schön, wenn man mit alten Mythen und Gerüchten ausräumt.
Das zeigt mir auch, dass du dich wirklich sehr innig mit diesem Thema auseinandersetzt.

Einen schönen sonnigen Tag wünsche ich dir noch! :)