Marie Antoinette - Prozess

Der Prozess gegen die ehemalige Monarchin begann am 14. Oktober 1793. Die belastende Zeit in der Gefangenschaft hatte sie zu einer kränklich und zerbrechlich aussehenden Frau werden lassen. Ihre langen Haare waren grau, sie verlor all ihre schönen Kleider, war blass und zu Beginn der Verhandlung kaum noch wahrnehmbar. „Aber in den vielen Wochen des Alleinseins hat Marie Antoinette ihre Kraft gesammelt. Die Gefahr hat sie gelehrt, ihre Gedanken zusammenzufassen, gut zu sprechen und noch besser zu schweigen: Jede ihrer Antworten erweist sich als überraschend schlagkräftig und gleichzeitig vorsichtig und klug. Nicht einen Augenblick verlässt sie die Ruhe; selbst die törichsten Fragen bringen sie nicht aus der Fassung."(1)

Marie Antoinette, nun eine bürgerliche und Witwe Carpet genannt, wurde des Hochverrats und der Unzucht angeklagt. Man warf ihr Korrespondenzen mit dem Ausland und die Plünderung der Staatskassen vor. Auf die Frage, welches Interesse sie an dem Waffenschicksal der Republik habe, antwortete sie: „Das Glück Frankreichs ist es, das ich über alles wünsche."(2) Weiter erkundigte man sich, ob sie es bedaure, dass ihr Sohn den Thron verloren hatte, auf den er hätte steigen können, wenn dieser Thron nicht zertrümmert worden wäre, doch auch hier begegnete Marie Antoinette dem Untersuchungsrichter mit einer überraschend spitzfindigen Antwort: „Ich werde niemals etwas für meinen Sohn bedauern, wenn es seinem Land zum Vorteil gereichen wird.“(3) „Denn mit diesem besitzanzeigenden Wort „seinem“ hat die Königin, ohne offen die Republik als unzuständig zu erklären, dem Untersuchungsrichter dieser Republik gesagt, da[ss] sie Frankreich noch immer als ihres Kindes rechtmäßiges Land und Eigentum betrachte […]“(4).

Der aber wohl schauderlichste und für die Königin erschreckenste Anklagepunkt war der Unzuchtsvorwurf gegen ihren eigenen Sohn Louis Joseph. Als man ihn von seiner Mutter trennte, hatte man ihn mittels psychischen und physischen Drucks soweit manipuliert, dass er eine ganze Reihe belastender Vorwürfe gegen seine Mutter und Tante vorbrachte. Man warf Marie Antoinette nun vor, ihren Jungen gemeinsam mit ihrer Schwägerin sexuell missbraucht und unter anderem zur Masturbation gezwungen zu haben. Marie Antoinette ließ jedoch all diese Beschuldigungen über sich ergehen und blieb schweigsam. Erst als ein Geschworener sie fragte, warum sie nicht antworte, stand sie auf: „Wenn ich nicht geantwortet habe, so geschah dies, weil die Natur sich weigert, auf eine solche Beschuldigung gegen eine Mutter etwas zu erwidern. Ich wende mich an alle, die sich hier befinden mögen."(5) In diesem Moment kam es zu einem Stimmungswechsel unter den Zuschauern. Viele Frauen fühlten sich angesprochen und man erkannte, dass man mit diesen Beschuldigungen zu weit gegangen war. Trotz Marie Antoinettes bemerkenswertem Auftritt vor Gericht wurde sie von den Geschworenen einstimmig für schuldig befunden. Sie sollte wie ihr Mann durch die Guillotine hingerichtet werden. Das Urteil stand im Grunde schon vor Beginn des Prozesses fest, denn die Königin musste ebenso wie ihr Ludwig sterben, damit die Revolution leben konnte.



Quellen

(1) Stefan Zweig „Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters“, S. 471-472
(2) Stefan Zweig, S. 474
(3) Stefan Zweig, S. 474
(4) Stefan Zweig, S. 475
(5) Stefan Zweig 2011, S. 483

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